Kleiner als ein Reißnagelkopf
Die Spiralfertigung bei A. Lange & Söhne
Sie wiegt etwas mehr als zwei Milligramm, sie ist kleiner als ein Reißnagelkopf und dünner als ein menschliches Haar. Und sie ist das pulsierende Herz einer jeden Armbanduhr: die Unruhspirale. Auf der ganzen Welt gibt es nur eine Handvoll Uhrenmarken, die in der Lage sind, sie selbst zu produzieren. Zu diesem elitären Kreis gehört A. Lange & Söhne. Seit 2003 hat die sächsische Traditionsmanufaktur immer mehr Werke mit ihren eigenen Spiralen ausgestattet. Mittlerweile schwingen sie in jedem zweiten Lange-Uhrwerk.
Seit der Vorstellung des Aufsehen erregenden Doppel-Rattrapante-Chronographen DOUBLE SPLIT vor sieben Jahren hat Lange die Zahl der Manufakturkaliber mit eigener Unruhspirale kontinuierlich ausgeweitet. Allein auf dem diesjährigen SIHH stellten die Sachsen fünf neue Modelle mit eigener Spirale vor. Von den 24 aktuellen Lange-Kalibern besitzt damit die Hälfte die im eigenen Haus entwickelte und hergestellte Unruhspirale.
Metalllegierung von 1930
Die Grundlage der Lange’schen Spiralfertigung bildet ein bis ins Detail ausgeklügeltes System, mit dessen Aufbau Günter Blümlein schon in den 1990er Jahren begann. Schließlich hat die Sache bei Lange Tradition: Die noch heute verwendete Metalllegierung geht auf das Jahr 1930 und Richard Lange, Ferdinand A. Langes ältesten Sohn, zurück. Der Wissenschaftler in der Familie entdeckte als Erster, dass die Beimischung von Beryllium in Stahl-Nickel-Legierungen die Härte und Elastizität des Materials entscheidend verbesserte.
Die Entwicklung und Produktion von zuverlässigen Unruhspiralen ist auch heute noch mit fast unüberwindlichen technischen Hindernissen verbunden. Kleinste Abweichungen von den vorgegebenen Fertigungstoleranzen oder den Abläufen des mehrstufigen Produktionsprozesses würden gravierende Auswirkungen auf die späteren Gangwerte der Uhr haben. Daher wagen sich die meisten Uhrenhersteller erst gar nicht an das heikle Thema heran.
Minimale Toleranzen
Die Schwierigkeiten beginnen schon auf der ersten Stufe, dem Ziehen des aus einer Stahl-Nickel-Legierung bestehenden Drahtes. In mehreren Arbeitsgängen wird er durch Diamantziehsteine mit abnehmenden Durchmessern auf das gewünschte Maß von bis zu 0,05 Millimetern gebracht. Zwischen zwei Zylindern aus Hartmetall wird dieser Draht sodann zu einem Band gewalzt, das im Querschnitt 0,018 mal 0,09 Millimeter misst. Äußerste Präzision ist dabei unerlässlich. Denn bereits eine Abweichung von nur einem zehntausendstel Millimeter kann in der späteren Uhr zu einer Gangabweichung von circa drei Minuten pro Tag führen. Die bei Lange verwendeten Spezialwalzen werden in der hauseigenen Werkzeugfertigung geschliffen. Kein Lieferant wäre in der Lage, sie mit den geforderten Toleranzen herzustellen.
Die nächste Herausforderung ist die Vermessung des Bandes nach dem Walzen. Ein Laser im Innern der Walzmaschine misst die Bandbreite. Doch für die zuverlässige Bestimmung der Dicke arbeitet er noch immer nicht exakt genug. Nur durch das Wiegen eines definierten Bandabschnitts und die anschließende Umrechnung mittels einer speziellen Formel lässt sie sich mit der geforderten Genauigkeit bestimmen.
Von dem gewalzten Band werden nun exakt bemessene Stücke abgetrennt. Jeweils drei, vier oder fünf von ihnen werden minutiös von Hand umeinander gewickelt. So erhalten die Spiralen später die richtige Form. In einem Metallring werden bis zu 40 dieser Spirallagen übereinander geschichtet. Im Vakuumofen erfahren sie anschließend bei einer Temperatur von mehreren hundert Grad Celsius eine stabilisierende Wärmebehandlung. Die zulässige Temperaturabweichung bei diesem Vorgang beträgt weniger als ein Grad. Nach dem Trennen wird am Innendurchmesser durch Laserschweißen eine Spiralrolle befestigt. Und zu guter Letzt wird die Spirale auf die festgelegte Anzahl Windungen zurechtgeschnitten. Jetzt ist sie bereit, mit der Unruh verbunden zu werden.
Doch zuvor müssen sie noch klassifiziert werden, um sicherzustellen, dass Spirale und Unruh auch wirklich als harmonisches Paar zueinander finden. Dabei wird das Elastizitätsmoment der Spirale genau bestimmt und einer von 20 Klassen zugeordnet. Die Spirale kann dann mit einer Unruh gepaart werden, die das genau zu ihr passende Trägheitsmoment besitzt. Paare mit einer zu großen Gangabweichung werden damit ausgeschlossen.
Die Breguet-Endkurve
Besonderes Fingerspitzengefühl verlangt das Biegen der äußeren Kurve. Denn sie entscheidet über die Gleichmäßigkeit des Schwingverhaltens. Das gilt vor allem für die sogenannte „Breguet-Endkurve“, bei der das äußere Ende nach oben gebogen und in einer zweiten Ebene über die Spirale gelegt wird. Für diesen sensiblen Vorgang, bei dem es nur einen einzigen Versuch gibt, benötigt ein erfahrener Uhrmacher etwa zwei bis drei Stunden. Doch ist es gelungen, dann vollzieht die Unruhspirale ihre etwa 200 Millionen „Atemzüge“ pro Jahr mit vorbildlicher Ebenmäßigkeit.
Präzision
Langes technologisches Know-how und Erfahrungswissen im Bereich von Schwingsystemen beschränkt sich im Übrigen keineswegs auf die Fertigung von Unruhspiralen. Auch Spezialfedern, wie diejenigen für den Zwischenaufzug der Nachspannwerke von LANGE 31 und LANGE ZEITWERK, stammen aus eigener Produktion. Und auch die in ihrer Charakteristik perfekt auf die Lange-Spiralen abgestimmten Exzenter-Unruhen werden im eigenen Haus hergestellt. Das ebenso leicht wie präzise zu regulierende System kommt inzwischen in sieben Uhrwerken zum Einsatz. Im Zusammenwirken beider Komponenten lassen sich bei der Regulierung außergewöhnlich gute Gangwerte erreichen. In ihnen spiegelt sich ein uhrmacherisches Selbstverständnis, dessen oberstes Ziel sich in einem einzigen Wort ausdrückt: Präzision.


