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Brückners Zeitzeichen

„Uhrenverweigerer“: Fraktion der nackten Handgelenke

Es lebe die Vielfalt. Für einen Menschen, der den Genüssen des Lebens aufgeschlossen gegenüber steht, mag es oft nur schwer nachvollziehbar sein, wenn sich sein Gegenüber am Tisch zum Beispiel konsequent sträubt, zu einem guten Essen einen ebenso hervorragenden Wein zu genießen und stattdessen einen Salat ohne Dressing und ein Mineralwasser ohne Kohlensäure ordert. Aber jeder hat das Recht auf seinen ganz individuellen Geschmack. Für diese Form der Askese gibt es zudem eine Reihe von Gründen. Sei es die Rücksichtnahme auf die Gesundheit, sei es der feste Wille, ein paar Pfunde zu verlieren, oder einfach die Entschlossenheit, den oft ernüchternden Tatsachen des Lebens mit nüchternem Verstand entgegenzutreten. Die Menschen neigen dazu, Lager zu bilden. Und so gibt es nun einmal Genießer und Asketen. Manche Genießer meinen, Asketen lebten auch nicht länger, ihnen komme es nur länger vor. Mag sein.

Vor kurzem wurde ich nun im Rahmen einer Rundfunksendung mit einer Spezies konfrontiert, von der ich gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Jedenfalls hatte ich bis dahin keinen Gedanken an diese Minderheit verschwendet. Sie nennen sich „Uhrenverweigerer“ und begründen in der Regel recht eloquent, weshalb sie bewusst und oft als Ausdruck einer bestimmten Weltanschauung auf einen Zeitmesser am Handgelenk verzichten. Natürlich, in der Fraktion der nackten Handgelenke befinden sich einige Menschen, die zum Beispiel aufgrund von Allergien keine Armbanduhr tragen können (aber in diesen Fällen böte eine schöne Taschenuhr doch eine reizvolle Alternative, oder?).

Die meisten „Uhrenverweigerer“ möchten aber mit diesem Verzicht vor allem ein Zeichen setzen gegen die „Hochgeschwindigkeitsgesellschaft“, gegen die Hektik und Schnelllebigkeit unserer Zeit. Nun kann einer wie ich, der seit vielen Jahren Uhren sammelt, vermutlich nicht allzu viel Empathie für die „Uhrenverweigerer“ aufbringen. Ich habe es dennoch versucht – und stieß auf eine Reihe von Widersprüchen. Erstens: Man hält die Zeit nicht auf, indem man seine Uhr ablegt. Ebenso könnte man den Kalender von der Wand nehmen und hoffen, fortan nicht mehr zu altern. Zweitens: Nicht die Uhr sorgt für Hektik, sondern der Mensch selbst. Besonders viel Stress bereiten uns jene lieben Zeitgenossen, die ständig zu spät kommen (vielleicht, weil sie keine Uhren tragen?). Drittens: Jeder, der sich auch nur kursorisch mit hochwertigen mechanischen Uhren beschäftigt, weiß, dass es sich dabei eigentlich um  typische „Entschleuniger“ handelt. In solchen Uhren steckt viel Zeit und Arbeit. Hektische Zeitgenossen mit flackernden Augen, wippenden Füßen und zittrigen Händen findet man in vielen Branchen, aber bestimmt nicht in Uhrenmanufakturen.

Ich kenne einen passionierten Sammler, der immer dann, wenn er unter besonderem Stress steht, eine alte Taschenuhr aus dem Tresor holt, vorsichtig die goldenen Deckel öffnete, eine Uhrmacherlupe ins rechte Auge klemmt und das Leben in diesem mechanischen Mikroorganismus beobachtet. In solchen Momenten realisiert er, wie kostbar die knappe Ressource Zeit ist – und sieht die vermeintlich wichtigen Dinge des Alltags samt der Schaumschlägerei der mit ihrer Ungeduld kokettierenden, zappelnden Zeitgenossen aus souveräner Distanz. Nein, „Uhrenverweigerer“ halten die Zeit nicht an. Aber sie berauben sie ihrer schönsten Facette.