Ein Schrotthaufen von unschätzbarem Wert

Die Grande Complication 42.500 von A. Lange & Söhne

Die Grande Complication 42.500 von A. Lange & Söhne
Grande Complication

Das Jahr 2001 markiert einen Wendepunkt im Arbeitsleben von Jan Sliva, dem Leiter des Lange’schen Ateliers für Historische Lange-Taschenuhren. Damals bekam er von einem Besucher der Manufaktur eine alte Taschenuhr zur Begutachtung auf den Tisch. Dass es sich bei der Uhr um etwas Besonderes handeln musste, erkannte er auf den ersten Blick. Denn sie war außergewöhnlich groß und schwer und hatte ein wunderschönes, mit einer Gravur nach Prof. Graff verziertes Gehäuse.

Als Jan Sliva allerdings den kunstvoll gravierten Rückdeckel öffnete, lief es ihm eiskalt den Rücken herunter. Denn dort entdeckte er etwas, das bestenfalls den Begriff „Schrotthaufen“ verdiente: Alle Werkteile darin waren verdreckt, viele verrostet, einige fehlten ganz, manche waren zerbrochen und wieder andere so stark korrodiert, dass man ihre ursprüngliche Form nur noch erahnen konnte. Nur das aus acht Einzelteilen kunstvoll zusammengefügte Emaille-Zifferblatt war in einem erstaunlichen, fast neuwertigen Zustand.

Historisch bedeutendes Uhrwerk

Nach kurzer Suche entdeckte Jan Sliva auf einer Brücke die Seriennummer 42.500. Laut Werkbüchern gehört sie zu einer einzigartigen Kostbarkeit mit dem wahrscheinlich kompliziertesten, seltensten und historisch bedeutendsten Uhrwerk, das die Manufaktur A. Lange & Söhne jemals verlassen hatte und das kein zweites Mal so gefertigt worden war. Die Taschenuhr mit der Nummer 42.500 war im Jahr 1902 an einen Wiener Privatmann verkauft worden – für 5.600 Mark. Das entsprach damals dem Gegenwert einer größeren Hauses.

Ein Schrotthaufen von unschätzbarem Wert

„Diese Uhr“, erklärt Jan Sliva heute, „vereint eine Fülle faszinierender Komplikationen. Sie verfügt über ein selbstschlagendes Schlagwerk mit großem und kleinem Geläut, eine Minuten-Repetition, einen Schleppzeiger-Chronographen mit Minutenzähler und blitzender Sekunde, einen Ewigen Kalender sowie eine Mondphasenanzeige. Ihr vernickeltes Neusilberwerk in 1A-Ausführung besteht aus unglaublichen 833 Einzelteilen. Zusammen mit dem Gehäuse wiegt sie fast 300 Gramm.“ Es war eine Uhr von einem unschätzbar hohen, historischen Wert. Ihre Restaurierung würde jede erdenkliche Mühe rechtfertigen. Soviel erkannte Jan Sliva bereits auf den ersten Blick.

Der sehr schlechte Zustand der Uhr warf die grundsätzliche Frage auf, wie man solch ein seltenes und komplexes Stück behandelt. Konserviert man die Uhr in diesem Zustand und stellt sie aus? Doch diese Möglichkeit kam für Jan Sliva und seine Kollegen nicht wirklich in Frage. Sie beschlossen stattdessen, die Funktionsweise und die Vollendung der einzelnen Teile anhand der vorhandenen Substanz zu ergründen, zu dokumentieren und die Funktionsfähigkeit der einzelnen Mechanismen wieder vollständig herzustellen. „Nur so“, sagt der Uhrmachermeister, „haben wir eine Chance, die Genialität unserer Väter und Vorväter für die Nachwelt zu bewahren. Was nützt uns ein großer Haufen Rost, der zwar authentisch ist, aber von dem keiner mehr weiß, wie er früher mal aussah und funktioniert hat?“

Das Geheimnis der 833 Teile

Das Ziel also war, möglichst viel originale Substanz zu erhalten und gleichzeitig die Funktion und die Schönheit des altehrwürdigen Werks wiederherzustellen. Und dies bedeutete zuallererst: Jede Menge Recherchen. Denn diese Uhr barg viele Geheimnisse, die sich nur mühsam entschlüsseln ließen. Es gab Bauteile in ihr, deren Funktion sich selbst für einen Fachmann nicht offenbarte. Es gab Werkteile, von denen niemand wusste, wie sie angefertigt wurden und selbst modernste Computertechnik half dann nicht weiter. Und es gab andere Bauteile, die ersetzt werden mussten und deren Form sich beim besten Willen nicht mehr rekonstruieren ließ. Mit jeder Schicht, die Jan Sliva freilegte, türmten sich neue Fragen auf. Zum Beispiel die, wie man diese spezielle Art der Tonfeder anfertigt, wenn nirgendwo eine Anleitung dafür zu finden ist.

Manchmal brauchte es Monate, um eine befriedigende Antwort zu finden für ein Problem. Manchmal führte schon der erste Versuch zum Erfolg. Und manches Geheimnis gibt die Uhr bis heute nicht preis.

Strahlendes Comeback für einen komplizierten Star

Am Ende dauerte es bis zum Jahr 2009, bis die Taschenuhr 42.500 wieder in altem Glanz erstrahlte. Auf dem Genfer Uhrensalon SIHH 2010 tritt sie dies nun zum ersten Mal in das Licht der Öffentlichkeit. Sie ist dabei ein Stück lebendig gewordene Tradition und eine Brücke, die die Genialität der Vorväter aud der Lange-Dynastie mit der Meisterschaft der Uhrmacher von heute verbindet. Ein Denkmal uhrmacherischen Könnens und menschlicher Leidenschaft.

Für Jan Sliva dagegen ist diese Uhr so etwas wie der Höhepunkt seiner uhrmacherischen Existenz. „Ich wüsste nicht, was danach noch kommen soll“, sagt er. „Nur ganz, ganz wenige Menschen erhalten einmal im Leben die Chance, ein solches Kleinod zu restaurieren.“ Diese Uhr ist so etwas wie sein Lebenswerk.

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