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Die Qual der Wahl…

Brückners Zeitzeichen

Wider die Langeweile am Handgelenk

Weshalb bei vielen Uhrenfreunden die Favoriten täglich wechseln

„Warum trinken Sie Wodka“? Jeder Russe, der etwas auf sich hält, kennt auf diese wenig investigative Frage nur eine Antwort: „Weil er flüssig ist. Wäre er hart, würden wir ihn essen“. Obwohl der Wodka-Konsum in Russland im vergangenen Jahr um elf Prozent gesunken ist, dürfte diese Erwiderung nach wie vor aktuell sein. Ich erinnerte mich daran, als ein Kollege und guter Freund vor kurzem auf eine kleine Marotte angesprochen wurde. Er trägt an jedem Handgelenk eine Uhr, was ihm zwar vielfach verständnislose Blicke und den Ruf einbringt, ein exaltierter Snob zu sein, doch darauf reagiert er mit großer Souveränität. „Warum tragen Sie denn zwei Uhren?“, fragte ihn unlängst wieder ein neugieriger Zeitgenosse in einer Meeting-Pause. „Weil ich nur zwei Handgelenke habe. Hätte ich mehr, würde ich drei oder vier Uhren anlegen...“

Nun trage ich grundsätzlich zwar nur einen Zeitmesser, aber auch ich muss immer mal wieder stereotype Fragen beantworten: „Warum besitzen Sie so viele Uhren? Sie können doch nur eine anlegen“. Oder: „Welche Uhr tragen Sie eigentlich am liebsten?“ Schwer zu sagen, denn tatsächlich verhält es sich so, dass ich täglich wechselnde Favoriten habe. Wesentliche Einflussfaktoren sind meine Tagesform (bei schlechtem Wetter darf’s ein wenig Farbe sein), mein Terminkalender und natürlich – ganz pragmatisch – die Anforderungen, die ich in den nächsten Stunden an meinen Zeitmesser stellen werde. Unterwegs schätze ich zum Beispiel Armbandwecker, bei großen Distanzen kann sich ferner eine zweite Zeitzonen-Anzeige als nützlich erweisen. Den nervtötenden Handy-Tönen, mit denen manche Kollegen ihre Wichtigkeit unterstreichen, setze ich bisweilen demonstrativ den sanften Klang meiner Repetitionsuhr entgegen. Und beim Fliegen schätze ich die gute Ablesbarkeit einer Pilotenuhr.

Soweit die praktischen Erwägungen. Daneben muss die Uhr natürlich zum Anlass passen. „Ist das nicht eine wunderschöne ‚Anzugsuhr‘“?, fragte mich letzten Sommer Nomos-Chef Roland Schwertner, als er mir die ersten Prototypen der neuen „Zürich“ zeigte. Anzugsuhr? Der Begriff war mir neu, aber natürlich stimmt es: Klassisches Outfit verlangt nach einem entsprechenden Zeitmesser. Wer will schließlich schon mit einer Taucheruhr ins Konzert gehen?

Sogar psychologische Aspekte können über die Wahl der passenden Uhr entscheiden. Ein mittelständischer Unternehmer aus Hessen trägt mit Vorliebe seine Submariner. Weil aber in der Regel sogar Laien erkennen, aus welcher Nobel-Manufaktur dieses Modell stammt und diese Erkenntnis eventuell latent vorhandenen Neid aktivieren könnte, tauscht der Uhrenfreund sein gutes Stück vor Kundengesprächen gegen eine sehr dezente Zweizeiger-Uhr in Platin aus gutem Haus. Die kostete zwar wesentlich mehr als die Submariner, dennoch wirkt sie auf unkundige Gesprächspartner eher schlicht und bescheiden. Ganz nach dem Motto: Mehr sein als scheinen. Der Unternehmer amüsiert sich jedes Mal köstlich, wenn er diese Story erzählt.

Damit wäre nun die Frage beantwortet, weshalb ein vielseitiger Mensch mit nur einer Uhr nicht auskommen kann: Es sind die Umstände und die Umwelt, die ihn veranlassen, immer wieder sorgfältig das passende Modell aus seiner Kollektion zu wählen. Und schließlich tut er sich damit auch selbst einen Gefallen. Denn wie öde wäre auf Dauer doch jeder Blick auf’s Handgelenk, befände sich dort Tag für Tag, Monat für Monat und vielleicht sogar Jahr für Jahr derselben Zeitmesser. Selbst Wodka könnte diese Langeweile nicht kurieren. Dagegen hilft nur – die neue Uhr!